Beitrag 2

Ich habe am Tag des Mauerfalls noch nicht so viel erlebt. Aber weil ich damals in Thüringen gewohnt habe, am Grenzzaun zu Bayern und das im Fernsehen verfolgt habe, war ich sehr überrascht. Natürlich hat sich sowas abgezeichnet in den letzten Monaten. Die Entwicklung, die Demonstrationen in Leipzig. Aber dass es tatsächlich passiert ist, und dann kurz vor unserer Haustür, weil, wie gesagt, es waren fünf Kilometer, da war man schon an der Grenze. Das verrückte war, dass wir noch nicht rüber konnten.

Die Grenze zu Bayern war dicht und in Berlin haben wir im Fernsehen schon die Jubelschreie gesehen, wie die Menschen die Mauer erstürmt haben, die Mauerstückchen abgeschlagen haben, das haben wir alles gesehen und wir waren ja genauso nah dran aber bei uns war alles verriegelt. Es hat tatsächlich drei Tage gedauert bis dann auch in Thüringen der nächste Zaun war, in Coburg und dazwischen waren 20 Kilometer, dazwischen ist dann der Grenzzaun geöffnet worden aber erst drei Tage später. Aber es war genauso wie in Berlin bloß in klein. Die ganzen Leute aus Bayern standen bereit.

Wir sind ja teilweise zu Fuß, mein Vater und ich. Rechts und links haben Leute Schokolade geworfen. Dann sind wir in den nächsten Ort gegangen. Es war ein Edeka- Markt, und die haben extra aufgemacht, und weil die DDR Bürger noch West Mark hatten, haben alle Schokolade gekauft. Daran kann ich mich noch erinnern. Es war ein sehr herzlicher Empfang.

Ich muss sagen, einiges hat sich verändert. Der Mauerfall hat eigentlich mein junges Leben auf den Kopf gestellt. Aber Positiv. Weil ich wollte zum Studieren nach Berlin gehen. Aber weil ich nicht in die Partei eintreten wollte, hat mir der Parteisekretär die Reise verwehrt. Er sagte, ich kann nach Berlin zum studieren fahren, wenn ich jetzt das Parteibuch unterschreibe. Habe ich aber nicht gemacht, und musste dann warten und wusste nicht, ob ich nach Berlin kann.

Der Fall der Mauer hat es für mich entschieden. Die Grenzen waren offen und neun Monate später war ich in Berlin.
Das erste Mal in Berlin habe ich in einem Studentenwohnheim gewohnt. Ich habe ein Betriebswirtschaftsstudium angefangen und habe dann wieder aufgehört, weil das liegt mir nicht, und habe dann was anderes angefangen. Ich denke alles hat sich verändert. Der Ortswechsel hat sehr viel bewirkt, denke ich. Ich bin mit Leuten zusammengekommen, die ich sonst in der Provinz nicht getroffen hätte. Sehr viele kreative Leute, Anfang der 90er, und ich war auch in einer Theater Ag und habe viele Sachen gemacht und habe mich entschlossen Sozialarbeit zu studieren – und ich denke, das wäre komplett anders verlaufen, wenn es den Mauerfall nicht gegeben hätte. Dann wurde ich vielleicht irgendwo im Büro sitzen und würde Sachen machen, die mir keinen Spaß machen würden.

Danke

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