Frau Schmook lebte in der Zeit von 2001 bis 2012 in einer therapeutischen Wohngemeinschaft der VIA Perspektiven gGmbH, im Britzer Damm 72, in Berlin Neukölln. Sie kam dahin, weil sie das Kunstatelier nutzen und im Kontakt mit anderen Menschen sein wollte. Dabei bestand sie, wo es aus ihrer Sicht nur möglich war, auf Selbstständigkeit. Die Betreuer*innen vor Ort und ihre rechtliche Betreuerin duldete sie, sofern sie sich in ihren Freiheiten nicht gestört fühlte. Die Mitarbeiter*innen vom Sozialpsychiatrischen Dienst und dem Fall-Management hingegen, akzeptierte sie nicht, was nicht selten bei deren Besuch mit dem Bewurf von nassen Lappen endete. Ihre Medikamente setzte Frau Schmook unauffällig ab und kam ohne sie gut zurecht. Ihre Stabilität hatte sie ihrer Selbstdisziplin zu verdanken.

Sie hatte eine sehr geordnete selbst entwickelte Tagesstruktur, an der sie sich nahezu stetig hielt. Dazu gehörten das täglich frühe Aufstehen zur immer gleichen Zeit, lange Spaziergänge und das Zubereiten einer gesunden Mahlzeit. Sie zeichnete dann ausnahmslos jeden Tag in ihrer Wohnung und während der Kunsttherapiegruppe im Atelier mehrere Bilder nacheinander. Meistens unterhielt sie sich dabei lebhaft mit einer künstlich veränderten Stimme mit, für außenstehende Personen, unsichtbaren Menschen. Die farbigen Linien und Flächen in ihren Bildern zeichnete sie spontan, entschieden, zügig und ohne vorzuzeichnen. Sie benutze während des Zeichnens ihre eigenen von ihr ausgesuchten Materialien: Papierbögen in der Größe A4 und A3 und Filzstifte. Leider nutzte sie aus Kostengründen hier nur die billigste Qualität, was zur Folge hat, dass all ihre Werke nicht lichtbeständig sind und eine Konservierung vor nahezu unüberwindbaren Herausforderungen steht. Hängt man Bilder von Frau Schmook in einen üblichen Rahmen, verblassen sie sehr bald im Tageslicht und selbst in speziellen Museumsrahmen dürfte nur ein kleiner Lichtschein auf sie fallen. Aus diesem Grund bewahrte Frau Schmook ihre Bilder in einem dunklen Schrank auf. Als dieser unter dem starken Gewicht der Papiere zusammenbrach, legte sie die Bilder in Stapeln auf dem Boden an die Wand und bedeckte sie mit dicken Stoffen.
Als Frau Schmook sterbenskrank zu einer Kurzeitpflegeeinrichtung gebracht wurde, vermachte sie ihre Bilder der therapeutischen Wohngemeinschaft im Britzer Damm, zu Händen ihrer Kunsttherapeutin, mit der sie bis zu ihrem Tode eng in einem freundschaftlichen Kontakt blieb.
Die Ideen zu ihren Bildern bekam Frau Schmook vor allem durch ihre täglichen Spaziergänge in der umgebenden Natur und durch Kontakte zu wenigen Menschen. In ihren Bildern sind vor allem florale Strukturen zu sehen, selten Tiere oder Menschen. Jahreszeiten und feierliche Tage stellte sie gerne dar. Mit der Zeit wurden ihre Bilder zunehmend abstrakter und farblich intensiver. Ihr unglaublich sicherer Instinkt für Formen und Farbklänge und Harmonien, ihre kreative Kraft, die sich in schier endlosen Variationen auszudrücken vermochte, verblüffen die Betrachter ein ums andere Mal. Neben ihren Bildern strickte, häkelte und stickte Frau Schmook Alltags- und Dekorationssachen, wie Kleider, Decken und Vorhänge. Diese wurden sehr sorgfältig, aufwändig und farbenfroh gemacht und von ihr täglich benutzt.
Kurz vor ihrem Sterben sagte Frau Schmook, dass sie es in diesem Leben leider noch nicht geschafft habe eine große Künstlerin zu werden, dies aber im nächsten erreichen werde. Als es dem Ende entgegen ging, verweigerte sie jegliche, aus ihrer Sicht unnötige, ärztliche Behandlungen. Sie teilte den Ärzten selbstsicher mit nach oben in den Himmel gestrecktem Finger mit: „Er erwartet mich schon“.
Frau Schmook wurde auf einem Friedhof in Neukölln namenlos in einem Gruppengrab beerdigt. Ihr Künstlername Flutter ist auf vielen ihrer verbliebenden Bilder sichtbar. Frau Schmook hinterließ ein Werk von schätzungsweise an die 3000 Blätter.
2015 nahm Frau Schmook posthum an der Ausstellung Art+Weise in Neukölln teil. Es wurde eine kleine Auswahl ihrer Bilder vorgestellt. Der Kunsthistoriker und Leiter der Sammlung Prinzhorn, Heidelberg, Dr. Thomas Röske, kam eigens zu einer Begutachtung des Werkes von Frau Schmook nach Berlin und befand die Bilder von Frau Schmook für sammelwürdig und künstlerisch wertvoll. Er ließ es sich daher auch nicht nehmen zur Ausstellungeröffnung in einer Rede das Werk von Frau Schmook zu würdigen und kunsthistorisch einzuordnen.
Frau Schmooks Bilder werden zurzeit im AktionsRaum Foto&Digitales Design aufwendig digitalisiert und katalogisiert. Zur Weihnachtszeit werden hier auf dem Blog erste Fotos von ihren Bildern gezeigt.

Beitrag von Maria Schwarzenberger

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