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Ich liege in meinem Apartment und starre an die Decke. Mein Apartment befindet sich im 523ten Stock in einer der Wohneinheiten im Distrikt 412 der Stadt. Eigentlich könnte ich mich ziemlich glücklich schätzen. Es ist ein Luxusapartment und verfügt damit sogar über einen eigenen Körperwaschautomaten und eine Fäkalienumwandlungseinrichtung, die ich mir mit niemandem teilen muss, so wie die armen Schweine ab dem 400ten. An die unteren 200 Stockwerke nahe der Oberfläche wage ich gar nicht erst zu denken.

Mein Leben spielt sich zum Glück weit oberhalb der kargen Oberfläche von Planet 4 ab. Ich arbeite in einer der zahlreichen, schwebenden Gasfarmen in der Nähe der äußeren Hülle der Atmosphäre von Planet 4. Mein Job ist es, mit meinem Team dafür zu sorgen, dass der Gasverlust der Atmosphäre durch unseren Abbau nicht zu deren langfristiger Destabilisierung führt. An und für sich ein leichter Job, da er im Wesentlichen darin besteht, die Tätigkeit der Umschichtungsroboter zu überwachen und diese gegebenenfalls zu warten. Die wenigsten Arbeiten, die auf Planet 4 und auf anderen Planeten der interstellaren Erdunion anfallen, werden noch ausschließlich von Menschen verrichtet. Meist sind wir nur bessere Handlanger der Maschinen, ohne die diese ihre Arbeit allerdings auf Dauer nicht verrichten könnten. Ich wollte nie Gasfarmer werden. Trotzdem…

Ich kann mich noch erinnern wie glücklich ich damals war, als mir dieser Job zugelost wurde. Jobs gibt es heute fast nur noch durch die willkürlichen Verlosungen der Joblotterie. So etwas wie einen freien Arbeitsmarkt hat es schon seit mehreren Jahrhunderten nicht mehr gegeben. Wer arbeiten darf, entscheidet heute das Zufallsprinzip. Die Jobs sind nicht befristet und man darf sie behalten, solange man die einem zugewiesene Tätigkeit sorgfältig ausführt. Einen anderen Kündigungsgrund als Nachlässigkeit gibt es nicht. Wenn man das Pech hat und einmal durch eine Nachlässigkeit aufgefallen ist, dann ist es unmöglich, diesen Fehler wieder gut zu machen und ein Abstieg in die tieferen Stockwerke der Stadt ist die unmittelbare Folge. Einmal dort, hat man niemals wieder die Möglichkeit, in die oberen Schichten der Stadt aufzusteigen. Die unteren Stockwerke sind von den oberen durch modernste und im Prinzip unüberwindliche Sicherheitsmaßnahmen getrennt.

Es war eine geradezu geniale Idee, das veraltete Modell des freien Arbeitsmarktes durch die Joblotterie zu ersetzen. Durch diese Maßnahme wurden die seit jeher vorhandenen sozialen Differenzen zwischen den Bevölkerungsschichten für alle Zeit zementiert und als grundlegend notwendiges Übel eines funktionierenden Gemeinwesens anerkannt. Durch die gleichzeitige Ausschaltung des Wettbewerbes um Stellen, Karriere und Aufstiegschancen durch die Lotterie waren diese Gegensätze nun aber für Jedermann leichter zu akzeptieren, da man eben nicht mehr alles auf „die Machenschaften des Kapitals“ oder die „Klüngelei unter den oberen Zehntausend“ schieben konnte.

Früher produzierte die Gesellschaft einen gigantischen Überschuss, der dann immer wieder kostspielig vernichtet werden musste. Diese Verschwendung von Ressourcen blutete Planet für Planet aus. Die Menschheit lebte wie ein Schwarm gefräßiger, nimmersatter Heuschrecken, immer auf der Suche nach neuen Planeten, über die sie sich hermachen konnte. Forscher warnten schon lange vor der Kolonisierung des Weltraums davor, dass so eine Entwicklung absehbar wäre und schließlich wurden ihre Warnungen mehrere Jahrhunderte später endlich erhört und man ging zu einer radikalen Form der antiquierten Planwirtschaft über, wie es sie bis dato noch nie gegeben hatte. Da sowohl der Produktionsprozess als auch die Bedürfniserfassung nahezu vollautomatisiert waren, wurde schlicht kein Überschuss mehr produziert. Nachhaltigkeit hielt Einzug. Die Bedürfnisermittlung verlief dabei so einfach wie genial. Jeder Haushalt, dessen Einwohnerzahl ja ohnehin bekannt war, verfügte über einen Computer, der direkt mit der zentralen Steuerungseinheit der Fabriken vernetzt war. In diesen Computer gab man ein, wann immer man etwas brauchte, seien es Möbel, Kleider, Nippes und Luxusgüter oder schlicht Lebensmittel, und wenige Stunden später rauschte es per Supermagnetgleitröhren direkt in die Wohnung oder wurde von einem robotischen Schwebelaster geliefert. Ein perfektes System. Niemand brauchte Hungern. Auch die Menschen in den unteren Stockwerken hatten alles, was sie zum Überleben brauchten. Natürlich blieb Ihnen der Zugang zu den hochwertigeren Gütern verwehrt, was aber nicht schlimm war, denn da sie ohnehin nicht in die oberen Schichten der Stadt vordringen konnten, bot sich auch kein Anlass neidisch zu sein.

Ich liege in meinem Apartment und starre an die Decke. Sie besteht, wie alle Decken in den oberen Stockwerken aus Platilin. Zu erklären was Platilin ist, spare ich mir an dieser Stelle. Es ist sehr kompliziert und im Prinzip auch nicht nötig. Interessant zu wissen ist nur, dass es ein sehr hochwertiges Material ist und dass es, egal wie kalt es hier oben manchmal wird, die Wohnung so perfekt isoliert, dass die eigene Körperwärme vollkommen ausreicht, um eine angenehme Raumtemperatur aufrecht zu erhalten. Es dringt also keine Wärme nach draußen und keine Kälte, oder Wärme, nach drinnen.

Da das Gas, was die Gasfarmer in der Atmosphäre abbauen, zur Energieversorgung genutzt wird, ist mein Job einer der angesehensten Jobs, die man auf Planet 4 haben kann. Deshalb auch das Luxusapartment.

Das Schöne an der Zementierung der Klassenunterschiede durch die Joblotterie ist übrigens, dass sie, was sich niemand vorher so richtig vorstellen konnte, de facto zu einer wahrhaft klassenlosen Gesellschaft geführt hat. Da jeder seinen Teil beiträgt und wirklich jeder durch die Joblotterie wirklich jeden Job zugelost bekommen kann, gibt es so etwas wie eine echte Oberschicht nicht mehr. Zumindest keine, die von gesellschaftspolitischer Relevanz wäre.

Denn Regierungen gibt es auch nicht mehr. Das einzige, was regiert, wenn man das denn so nennen will, ist die Erfüllung der individuellen Bedürfnisse.

Ich liege und liege und starre an die Decke. Ich hatte gerade Urlaub. Den gibt es noch. Natürlich hätte ich mich einer der vielen Freizeitangebote widmen können, die hier oben angeboten werden, hätte Luftfischen können, ein wenig in der Atmosphäre segeln oder auch auf einen der Urlaubsplaneten reisen können, die noch über eine intakte Natur verfügen.

Aber irgendwie war mir dieses Mal nicht danach. Im Laufe des letzten Jahres hat es angefangen in mir zu arbeiten. Ich weiß nicht warum oder woher meine Trübsal kommt. Ich war natürlich schon bei einem Seelenheiler. Vergebens. Gefühle wie die, mit denen ich mich gerade herumschlage, werden zwar seit einigen Jahren immer häufiger, so richtig weiß man sich aber keinen Rat. Der Mensch hat alles, alle Freiheiten, gerade oben, also was? ‚Also was?’ Das frage ich mich auch…

Ich liege und starre an die Decke. Diese verfluchte Decke. Ich habe sie mittlerweile so oft durch die Gestaltungsfunktion umgeändert. Sie gefällt mir nicht. Manchmal liege ich hier, wie jetzt und habe das Gefühl, sie will mich erdrücken, wenn sie könnte, habe das Gefühl, mein Apartment würde mich fressen oder zu einem Teil des Mobiliars machen. Eigentlich bin ich ja schon Teil des Mobiliars. Ich werde nun für immer Gasfarmer sein. Ich will kein Gasfarmer sein. Ich habe keine Wahl, denn ich kann mich auch nicht entscheiden in die unteren Stockwerke zu gehen, alles hinzuwerfen. Und ich will das auch nicht. Wer könnte das schon ernsthaft wollen.

Manchmal stelle ich mir vor, wie es wohl wäre, auf der Oberfläche eines intakten Planeten zu leben. Selbst das herzustellen, was man braucht. Gerade das Nötigste. Mein Apartment ist angefüllt mit Luxusgütern. Ich brauche sie nicht. Wer braucht schon ein Aquarium mit künstlichen Fischen, künstlichen Pflanzen. Das kleine Biotop in der Zimmerecke. Wenn die Menschen unten davon wüssten, würden sie sich bestimmt ein Bein ausreißen, um eines Ihr Eigen nennen zu dürfen. Es würde nichts bringen. Da hat man keine Chance.

Echte Tiere zu halten, ist seit vielen Jahrhunderten verboten. Nachdem 2340 die Menschenrechte auch für Tiere in Kraft traten, hat sich vieles verändert. Auch das Schlachten von Tieren für die Nahrungsmittelproduktion oder zu pharmakologischen Zwecken war ab da natürlich verboten und so…

Natürlich war das auch besser so. Ich würde so gerne auf einem der Urlaubsplaneten leben. Ganz primitiv und alleine. Mitten in der Wildnis. Und wenn mich ein Tier angreifen würde, würde ich mich wehren und wenn es mich töten würde … der Lauf der Natur. Das wäre besser als das hier. Aber alles aufgeben?

Sogar das Recht auf Sex wurde 2200 für jedermann festgeschrieben. Mit dem Sexausweis hat man das Recht auf mindestens zwölf sexuelle Begegnungen im Jahr. Es gibt zwar keine Prostitution mehr aber dafür etwas viel Besseres. Gezüchtete Menschen, die aufgrund ihres genetischen Codes im sexuellen Akt ihre einzige Daseinsberechtigung sehen und so ganz freiwillig und ‚natürlich’ immer parat stehen.

Selbstverständlich gab es damals große Kämpfe um die Einführung dieser Regelung aber am Ende musste jeder anerkennen, dass es die beste Lösung für das damals noch grassierende Problem der Vergewaltigungen war. Und diese hörten damit auch auf.

So wurde über die Jahrhunderte, ab dem 21ten die Befriedigung aller menschlichen Bedürfnisse reguliert und garantiert.

Langsam wird es Nacht. Ich höre das Klappern der Kollektoren, die sich umstellen. Das erste Zeichen dafür, dass ich jetzt bald zur Arbeit muss. Seit meiner letzten Schicht habe ich nicht geschlafen. Ich hätte auf den Schlafknopf drücken können, um das automatische Meditationsprogramm zu starten. Ich wollte nicht. Alles was ich will ist hier raus. Endlich wieder ein Mensch sein. Wieder mal eine Nacht ohne Schlaf verbringen, früher war das wohl gang und gäbe, endlich mal wieder krank sein, Hunger haben, Angst haben. Alles Vergangenheit. Vielleicht ist es das, was mir und vielen anderen fehlt. Angst. Ist Angst nicht auch ein grundlegend menschliches Gefühl? Die Angst vor der Nacht. Die Angst vor dem Morgen. Man hat uns die Angst genommen.


Anmerkung des Autors:

‚Nachtdenken‘ entstand ca. 2012, inspiriert durch die Erkenntnisse, zu welchen mir das Studium der Politik- und Rechtswissenschaften verhalf, das zu diesem Zeitpunkt bereits in etwa zwei Jahre zurücklag, verhalfen.

Die Kurzgeschichte ist dem Genre der ‚Science Fiction‘ zuzuordnen und in Gänze fiktiv.

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