Als ich dann aus dem Fenster sehe streift mein Blick flüchtig den Regen, der in wahrhaft kaskadenartigen Sturzbächen den Boden in einen Morast aus Schlamm und Blättern verwandelt, bevor er sich, wie üblich, auf die Aushänge an dem kleinen Kiosk auf der gegenüberliegenden Straßenseite fixiert, die Ich von hier aus zwar als interessantbunten Fleck sehen, aber nicht lesen kann. Es ist mir aber auch ziemlich egal, da ich ohnehin nur eine vorrübergehende Raststätte, eine bequeme Bank in der großen Wartehalle, zu der mein Leben geworden ist, ja, die es irgendwie schon immer war, suche.

In meinem Kopf herrscht Leere. Nicht die Art von Leere, die ein weißes Papier in eine Quelle der Inspiration verwandeln kann oder die angenehme Leere, die sich kurz nach dem ersten Überschwang eines gemeinsamen Orgasmus mit einem geliebten Menschen einstellt, sondern die Leere, die man am Ende eines langen Arbeitstages in sich fühlt, wenn man nach Hause kommt und niemand da ist, der bereits auf einen wartet.

Sanfte Gittarenklänge streichen durch mein Zimmer, durch mein Ohr. Jetzt gesellt sich eine wohlklingende, männliche Stimme hinzu, die kurz darauf von Geigen im tiefsten Moll gefolgt wird und die Beiden zusammen betupfen nun gemeinsam dieses kleine, zerbrechliche Arrangement mit einer sanften und dabei gleichzeitig doch geradezu herzzerreißenden Melancholie.

Wieder sehe ich nach draußen.

Wie gut ich diesen Ausblick kenne. Ich kenne hier jeden Ziegel, jede Gaube, jede Antenne der benachbarten Häuser. Kenne ihre Farbe, die Stellen an ihren Wänden, an welchen der Putz schon anfängt zu blättern.

Es ist Herbst. Blätter liegen überall auf der Straße und den Gehwegen hier in meiner Stadt und aus dem Fenster sehe ich die Laubsammler, die trotz der unbehaglichen Kälte, die sich hier Anfang November bereits breitgemacht hat, stoisch ihrer Arbeit nachgehen. Ich sehe sie auch öfter mal, wenn Ich das Haus verlasse, um Einkaufen zu gehen oder einen Kaffee in dem kleinen Bistro auf der anderen Straßenseite zu trinken.

Mittlerweile kommt das nicht mehr besonders oft vor. Ich fühle mich jetzt hier drinnen irgendwie wohler, beschützt, während da draußen alles immer mehr zu einem Dschungel wird, den ich mit der Machete meines zunehmend erblassenden Verstandes immer weniger zu durchdringen vermag. Alles das weiter entfernt von meiner Wohnung ist als zwei Querstraßen, kommt mir bereits wie ein Urlaub in einem weit entfernten Land vor, dessen Sprache Ich nicht beherrsche und auch nicht beherrschen will.

Wie sagte einst die berühmte amerikanische Schauspielerin, verflucht, jetzt fällt mir ihr Name nicht ein, Bette Davis, richtig, „getting old is not for sissies“. Nichts für Weicheier.

Ich bin schon sehr alt. Die meisten meiner Freunde sind entweder schon lange tot oder senil oder vegetieren im Altenheim vor sich hin. Die meisten von Ihnen haben ihren Partner bereits verloren. Nur ein einziges Paar, beide um die 142, wohnen tatsächlich noch zuhause. Sie bekommen ihr Essen von einem Hilfsdienst gebracht und den Haushalt macht auch irgendwer. Sie kommen zurecht.

Je älter man wird, desto kleiner wird die Welt, so kommt es mir vor. All das ist für sich ja im Prinzip auch gar nicht weiter schlimm. Immerhin geht es jedem irgendwann einmal mehr oder weniger so. Im Alter macht das Schicksal zunehmend weniger Unterschiede und ich kann mich eigentlich auch gar nicht wirklich beschweren.

Zwar habe Ich keine Kinder, die sich um mich kümmern, also auch keine Enkel, bin nie Vater geworden, war nie verheiratet, bin jetzt alleine aber eben alleine, nur für mich verantwortlich, muss mich um niemanden kümmern, mir keine Sorgen machen. So wollte Ich das zwar nicht aber wahrscheinlich ist es das Beste so. Es ist schon gut so, wie es gekommen ist. Man muss zufrieden sein.

Außer dem Einkaufen sind mir die Arztbesuche geblieben. Einmal in der Woche holt mich ein junger Zivildienstleistender des Malteser Hilfswerks ab und fährt mich zu Dr. Marten, meinem Therapeuten. Ich kann mich gar nicht mehr erinnern, wie lange die Psychotherapie bei ihm nun schon geht. Mittlerweile ist er die einzige Person, die mich wirklich vollständig kennt. In- und auswendig sozusagen. Warum ich ihn immer noch aufsuche weiß ich gar nicht. Irgendwie sind diese wöchentlichen Gespräche zu einem liebgewonnenen Ritual geworden, von dem ich mich einfach nicht trennen mag. Und da ich es auch nicht muss…

Seit meinem 19. Lebensjahr mache Ich nun schon Psychotherapie, schlucke Tabletten, die sich in Form und Farbe und in der Menge immer mal wieder geändert haben, verspüre keine Besserung, keine echte, immer wieder Lichtblicke, Luftschächte im Dunkel des Tunnels.

Ich war schon immer ein Sozialfall. Anfangs habe ich darunter noch sehr gelitten. Ich wollte hoch hinaus, wollte jemand sein in der Welt.

Damals schien das noch möglich, auch für mich. Ich wollte immer Musiker werden, auf großen Bühnen stehen, die Leute begeistern. Ich habe nie ein Instrument gelernt und bin heute froh, wenn ich es schaffe, nachts zum Wasserlassen mein Bett zu verlassen. Ich bin alt geworden und all das wäre auch nicht weiter schlimm, wenn ich wenigstens für ein paar Jahre mal jung gewesen wäre.

Aber das war mir nicht vergönnt. Die Krankheit nahm mir meine Jugend und den ganzen Rest nahm ich mir dann selbst; die Drogen, der Alkohol, die vielen Zigaretten, die viele verschwendete Zeit, die Selbstmordversuche, all das machte mich über die Jahrzehnte mürbe. Aber ich lebe, existiere noch.

Früher habe ich mich immer gefragt, ob mein Leiden irgendeinen tieferen Sinn hat. Heute weiß Ich: Manche Menschen haben im Leben einfach Pech und das muss auch so sein, denn sonst könnten die anderen Menschen nicht erkennen, welches Glück sie haben, auch ohne irgend etwas besonderes im Leben erreicht zu haben.

Ich war immer ein Sozialfall. Ohne die Hilfe der Ämter, wäre Ich schon vor langer Zeit elendig und ganz und gar hilflos auf der Straße verreckt. Vielleicht wäre das besser gewesen. Was hatte die Allgemeinheit von mir? Habe ich etwas für Sie getan? Ist das überhaupt wichtig, in einem höheren Sinne?

Ich war Medikamententester, hauptberuflich sozusagen, habe Psychiatrien getestet, viele Ärzte, Beratungsstellen. Habe Ich so das Gemeinwohl verbessert? Vielleicht. Vielleicht ja. Vielleicht… Ist egal. Ist jetzt alles egal. Ich bin alt geworden.

Wenn man alt wird, scheint auch das, was einem einmal die ganze Welt bedeutet hat, auf einmal gleich zu sein. Gleichgültig.

Ich höre das Kratzen der Nadel in der Auslaufrille. Der letzte Song ist zu Ende. Ich habe mich nie an die modernen Geräte, mit ihrer direkten Übertragung via Elektrostimulation des Schädels direkt ins Hörzentrum im Gehirn oder so ähnlich, gewöhnen können; ihnen immer misstraut. Ich nehme die „12“ vom Spieler, reinige sie in der Maschine und befördere sie vorsichtig in ihre Hülle zurück. Oft denke ich, dass mich die Leute auf der Straße da unten, wenn sie mich so sehen könnten, für alterssenil halten würden. Ein verkalkter, verbitterter alter Mann, der wider allen besseren Wissens an seinen alten Gewohnheiten festhält. Unbelehrbar. Sie hätten nicht ganz unrecht.

Es ist mir egal. Ich lege eine neue Platte auf. Warme Synthesizerflächen erfüllen den Raum. Damals war diese Musik außerirdisch. Gar nicht zu fassen für den Durchschnittshörer. Heute …  Vergessen, altmodisch. Alles geht vorüber. Jetzt kommt der Bass und ganz automatisch muss Ich an die Zeit denken, in der ich die Clubs für mich entdeckt habe. Ich muss so 23, 24 gewesen sein. Jetzt kommt die HiHat und weitere Hintergrundgeräusche und ich frage mich, ob solche Musik heute in den Clubs überhaupt noch gespielt wird?

Wahrscheinlich nicht. Ist alles vorbei, alles aus. Ist nicht schlimm. So geht es immer. Das ist der Lauf der Welt. Das Alte macht dem Neuen Platz.

Als ich jung war, habe ich solche und andere Lebensweisheiten immer wieder von meinen Großeltern gehört und mich gefragt, wie sie, die sie ja so weit weg von meinem Alltag aufgewachsen sind, denn überhaupt ernsthaft glauben können, mir etwas über das Leben erzählen zu können. Ich wurde eines besseren belehrt. Das wird wohl jeder irgendwann.

Schweren Herzens reiße ich meinen Blick von den Aushängen los, denen ich Ihn inzwischen längst wieder zugewandt hatte und gehe in die Küche, um mir einen Tee zu machen. Eigentlich wäre es an einem Tag wie heute, in einer Situation wie der meinen auch vertretbar, die Flasche Whiskey zu öffnen, die ich vor zwei Jahren von einem Freund geschenkt bekommen habe. Ein bisschen Whiskey, ein bisschen Musik und dann ein Mittagsschläfchen. Das ist mein stilles Lebensglück.

Ich nehme mir die Flasche mit dem gold umrandeten Etikett aus dem Regal, lasse mir etwas Leitungswasser in eine einfache Glaskaraffe, nehme mir ein Glas und gehe wieder ins Wohnzimmer.

Die Stunden vergehen und schon längst hat der Whiskey angefangen seine beruhigende Wirkung zu tun. Die Medikamente tun ihr übriges. Langsam werde Ich müde. Ich bin immer müde; immer müde gewesen.

Diesmal ist es anders. Diesmal ist neben dem Gefühl der Erschöpfung kein Platz mehr für andere Gefühle und obwohl das eigentlich gar nicht gehen kann, wird der Platz immerzu noch kleiner und kleiner. Ich bin so müde, dass auch ein tausendjähriger Schlaf nicht ausreichen würde, um mich von dieser Müdigkeit zu erholen, denke Ich. Zum siebten oder achten Mal läuft die Nadel durch die Auslaufrille, der Arm des Spielers fährt zurück in die Ausgangsstellung und die zweite Seite der Platte beginnt von neuem. Obwohl Ich weiß, dass Ich das Lied bestimmt schon einige tausend Male, einige hundert doch auf jeden Fall, gehört habe, will mir der Name des Titels einfach nicht einfallen.

Meine Augen sind jetzt geschlossen. Ich möchte sie auch nicht mehr öffnen, denn sonst verpasse ich noch die letzte große Illusion meines Körpers.

Es war höchste Zeit gewesen.


Anmerkung des Autors: Die vorliegende Kurzgeschichte entstand ca. 2010 in einer  Phase, in welcher mich das Thema Krankheit und Tod (meine Großmutter war damals schwer erkrankt) sehr beschäftigte.

Unter dem Eindruck meiner damaligen Lebenssituation versuchte ich mir mein Leben in der Zukunft vorzustellen; wie mein Leben, falls ich nichts ändere und es mir nicht gelingen sollte, aus meinen kreativen Ideen und Visionen etwas zu machen.

Sensiblere Gemüter möchte ich darauf aufmerksam machen, dass mein lyrisches Ich, der alte Mann aus Reißfaden, seinen Tod nicht willentlich sondern versehentlich herbeiführt und so oder so im Einvernehmen mit seiner Lebenssituation steht und geht.

Viel Spass beim Lesen und danke für euer Feedback

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