Ein Glückstreffer war das nun gerade wirklich nicht, als Ich mich vor mittlerweile vielen Jahren von guten Freunden, man kennt das, dazu drängen ließ, das Rauchen anzufangen. Das Rauchen anzufangen. Zunächst muss man Rauchen ja tatsächlich erst mal lernen. Ich kann mich, wie jeder Raucher, noch genau an meine allererste Zigarette erinnern. Damals vor dem Kino, das es jetzt schon seit Ewigkeiten nicht mehr gibt. Alles diesen blöden Cinestar-Wichsern zum Opfer gefallen. Wie auch immer. Ich stand also da mit meinen drei damals besten Freunden, zwei davon Raucher, wir wollten irgendeinen Film sehen und die beiden „mussten“ natürlich vorher erst noch schnell „eine qualmen“, wie man sagt. Ein Lungenbrötchen essen und so. Wie so oft damals bei solchen Gelegenheiten bekamen wir beiden Nichtraucher natürlich auch eine angeboten, denn: Die braucht man unbedingt, um cool zu sein. Anders: Keine Chance. Florian lehnte dankend ab. Ich griff zu. Was mich damals in diesem Moment geritten hat, würde Ich echt gerne wissen. Hätte Ich eine Zeitmaschine…wie auch immer. Auch das hätte mich wahrscheinlich damals nicht davon abgehalten. Und mir wurde dann natürlich auch sofort schwindelig, Ich musste furchtbar husten und danach war mir schlecht und danach kam der Film und war schlecht. Alles ziemlich schlecht soweit. Und nach dem Kino, die nächste in einer langen Kette, die sich bis heute ohne wesentliche Unterbrechungen fortgesetzt hat.

Ich habe oft probiert aufzuhören. Und oft genug war es mir auch wirklich tödlich ernst damit. Heilig fast. Und das auch schon lange bevor mir der Arzt das erste Mal, ebenfalls in einer langen, wenn auch nicht ganz so langen Kette, dazu riet. Meine längste „Pause“ war zwei Jahre lang. Ich hatte es schon geschafft und eines Tages: Peng. Exraucher sind wie trockene Alkoholiker. In vielerlei Hinsicht. Oder Ex-Heroin Junkies: Ihr Leben lang in Gefahr und auf der Flucht vor der Sucht.

Tja. Soweit. Und jetzt? Jetzt sitze Ich hier im Wartebereich der Lungenambulanz der städtischen Klinik und warte auf mein MRT. „So wie das da drin klingt, ist da auf jeden Fall was, was dort nicht hingehört und bei ihrem Konsum…“ hat der Arzt beim letzten Mal gesagt. „Falls sich unser Verdacht bewahrheitet, müssen wir sobald als möglich operieren, um sie noch retten zu können. Eine neue Lunge ist nicht so einfach aufzutreiben wie ein neues Herz. Schweinelungen sind zu klein. Hahaha.“ Irgendwie so. Scheiß Ärztehumor. Ich will nicht in die Röhre. Wenn die da jetzt echt was finden, was soll’s dann? Dann ist eh Schluss. Keine Möglichkeit. Gibt’s nicht. Geht nicht, gibt’s nicht. Trotzdem.

Aber das Schlimmste ist, dass Ich selbst jetzt trotzdem befürchte, dass, wenn Ich wieder in derselben Situation wäre, Ich wieder genau so handeln würde. Um cool zu sein. Ein ewiger Kreislauf. Und die Scheiße wird natürlich auch nie verboten. Die Steuergelder, die dann fehlen würden. Und die ganzen Arbeitslosen, die auf einmal den Ämtern die Türen einrennen würden. Komisch eigentlich, dass andere Drogen illegal sind. Und das obwohl ein paar davon nicht mal halb so gefährlich sind. Wenigstens bringen sie einen nicht um. Machen einen höchstens psychisch auf die Dauer bisschen fertig. Wie auch immer. Trotzdem komisch. Da könnte Vater Staat doch auch kräftig mitverdienen. Und das gerade wo so viel fehlt in der Kasse. Kommt bestimmt bald. Vielleicht denken die sich auch nur, dass der ganze Schwindel dann zu offensichtlich wäre? Drauf geschissen. Hilft mir ja auch nicht.

Ich will nach Hause. Ich seh einfach echt gerade keinen Sinn da drin, hier länger rumzusitzen und auf mein Todesurteil zu warten. Was der Arzt nämlich noch nicht weiß, ist, dass mir die Lunge seit ein paar Monaten so derartig wehtut und zwar die ganze Zeit, dass Ich nachts schon nicht mehr schlafen kann. Deswegen bin Ich ja überhaupt hierher gekommen und deshalb kann Ich auf diesen Mist hier auch genauso gut verzichten. Und die können mir erzählen, was sie wollen. Wenn das Lungenkrebs ist, bin Ich am Arsch. Punkt. Ohne Chance auf Rettung und meine letzten Tage, Wochen, Monate, wie auch immer, will Ich draußen und bestimmt nicht hier drin an irgendwelche Scheißgeräte angeschlossen, die mir im Endeffekt doch nicht helfen, verbringen. Ich stehe jetzt einfach auf und gehe. Schließlich bin Ich auch ohne Zwang hierher gekommen und genauso zwanglos mach Ich mich jetzt eben wieder von dannen.

Hah. Tut das gut. Frische Luft. Schöner Tag, gutes Wetter. Well. Wo ist die Raucherecke? Ach da. Genau wo sie das letzte Mal auch war. Vergesslicher Blödmann. Dann erst mal ne Lucky. Eine Lucky war es auch, mit der damals vor dem Kino alles angefangen hat. Und jetzt endet es hier vorm Krankenhaus. Wo hab Ich denn jetzt mein Feuerzeug? Ah. Da ist es ja. Und jetzt…“Klick“, „pfffff…hah“ besser. Das Leben ist schön. Raucher lernen es ja auch einfach nicht. Zwei gute Freunde und meine Mom haben mich die Dinger schon gekostet. Todesstengel wäre eigentlich ein viel besserer Name als Glimmstengel. Und trotzdem kann Ich wirklich nicht behaupten, dass Ich es bereuen würde. Das Leben ist ohnehin zu kurz für Reue und Reue holt den Krebs da auch nicht raus beziehungsweise meine Freunde zurück. Jeder ist seines eigenen Schicksals Schmied und Ich…pfff…bin eben Raucher. Ich fand es damals irgendwie immer toll, meiner Mama dabei zuzuschauen. Heimlich natürlich, denn sie wollte nicht, dass sie irgendjemand dabei sieht. Hat eigentlich auch gar nicht so viel geraucht die Gute. Vielleicht ein halbes Päckchen am Tag. Gereicht hat es dann trotzdem irgendwann. Auf jeden Fall dieser Ausdruck von Genuss und Entspannung, der sich dann auf Ihr Gesicht schlich…den fand Ich schön. Damals schon mit sieben, acht oder so. Und mit vierzehn war es dann bei mir soweit. Und dabei hätte Ich es besser wissen können. Mama war damals schon in Behandlung. Haben ihr erst die Beine abgenommen und dann noch den linken Arm bevor’s dann ganz aus war. Aufgehört hat sie trotzdem nie. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Ich vermiss die Alte. Wenn sie jetzt noch da wäre, würde sie bestimmt sagen: „Junge…Ich hab’s dir doch gleich gesagt.“ Hat sie auch immer. Hat ihr nur keiner zugehört. Hätte sie mal auf sich selbst gehört. Hat sie ja auch nicht. Wie hätte Ich das dann können sollen? Und meine Freunde…tja…zwei hat’s schon dahingerafft, wie gesagt und der dritte kommt anscheinend bald.

Vielleicht geh Ich doch noch mal rein. Man kann ja nie…ach ne…ist egal. Ist alles scheißegal. Und mal ehrlich: Es bringt doch nichts. Was bringt mir das es zu wissen? Hilft es mir? Nein. Und Vorwürfe mach Ich mir so oder so keine und Hilfe gibt’s auch so oder so nicht. Also: Für was? Damit der Arzt seine Kohle kriegt für das scheißteure MRT? Auf gar keinen Fall. Nicht mit mir. Die haben schon genug Geld an meinem Leben verdient und mein Tod gehört mir. Den lass Ich nicht bepreisen. Dann schrauben die noch ein paar Wochen an mir rum, bevor sie mir dann sagen: „Tja. Tut uns leid Herr Schleicher aber wir können nichts mehr für sie tun.“ Und dafür lassen die sich ihre Scheißfressen vergolden. Ne. Nicht mit mir. Ich geh jetzt. Dieses Leben hab Ich vielleicht nicht gewählt aber meinen Tod, den lass Ich mir nicht nehmen. Ich rauch mich kaputt. Was soll’s auch sonst?

3 Kommentare

  1. DU hast erst vor vier Jahren angefangen? Oder ist der Text schon älter? Und dann sollst du jetzt schon Krebs haben? Hast du nun erwiesenermaßen was?

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    1. Danke! Da aus Ihrem Kommentar auch die Sorge um die Gesundheit des Autors spricht, möchten wir als Redaktion kurz darauf hinweisen, dass es sich hier um eine Kurzgeschichte handelt. Es spricht ein literarisches ICH und dieses erzählende ICH muss nicht mit dem Leben des Autors übereinstimmen.

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    2. Ich bin tatsächlich seit über 18 Jahren Raucher, habe aber KEINEN Lungenkrebs oder sonstige Raucherleiden. Das „Ich“ in der Geschichte ist mein, in diesem Fall, sehr pessimistisch reflektierendes, lyrisches Alter Ego. 😉

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